Verdünnung: von Whiskyschorle-Trinkern, Pipettentröpflern und Fassstärken-Dogmatikern

Ist die Verdünnung von Spirits eine hohe Kunst? Ja und nein – jedenfalls ist dies ein umstrittenes Thema

Geht man in Schottland in einen typischen Pub, so findet man dort immer wieder Whiskytrinker, die ihren edlen Dram – meist in der Maßeinheit ‚fifth of a gill’ – mit zwei Dritteln Wasser auffüllen: „It’s a wee bit smootha n’ slips dun’ well“, mag man da als geschockter Single Malt-Genießer entgegen gelallt bekommen. Zu solch einer Schorle mag auch Eis ganz gut passen, sie mag auch recht gut wirken, doch hinter die Geheimnisse der aromatischsten Spirituose der Welt wird man auf diese Weise nicht kommen.  Doch wie – wenn überhaupt – sollte man Whisky und andere fassstarke Spirituosen verdünnen?

Sie entscheiden, wie Sie Whisky trinken!

Diese Frage ist so pauschal nicht zu beantworten. Lassen Sie sich von Macho-Statements nichts vormachen wie „Trink nur fassstark, das ist Whisky wie Gott ihn gemeint hat“. Es is zwar richtig, dass die besten Single Malts diejenigen sind, die trotz ihrer Fassstärke perfekte Trinkbarkeit aufweisen trinkbar und ihre Aromenvielfalt uneingeschränkt preisgeben. Doch dies ist nicht immer der Fall. Und dann kann Wasser helfen. Es kommt hauptsächlich auf zwei Faktoren beim Verdünnen an: Ihre Erfahrungen/Trinkgewohnheiten und den entsprechenden Whisky (40% oder fassstark bis zu 64%).

Zunächst ist zu sagen, dass Whiskygenuss höchst individuell ist. Man macht hier also nichts falsch und sollte verschiedene Ansätze für sich probieren. Schon beim Riechen mag dem einen der Alkohol, der aus dem Glas aufsteigt, zu stark sein, andere hängen mit ihrer Nase förmlich im Glas, um die Nuancen zu erschnüffeln. Zu diesem Zeitpunkt sollte man aber noch nicht verdünnen, verändern sie zunächst nur ihren Abstand zum Glas und bewegen es von einem Nasenflügel zum anderen.

Wasser ist absolut kein Tabu!

Sollten sie bemerken, dass der Whisky deutlich verschlossen und eindimensional wirkt, können anfangs ein bis fünf Tropfen zum Aufschließen der Aromen hilfreich sein. Gerade sehr hochprozentige Malts neigen zu stumpfen Profilen – wobei es aber auch Ausnahmen gibt. Ich habe schon 63-prozentige Islay-Malts unverdünnt getrunken, weil sie mild wirkten oder 40-prozentige Lowland-Whiskys mit Wasser bespritzt, um ihnen die Schärfe zu nehmen. Ebenso habe ich Nachbarfässer der gleichen Brennerei verkostet und nur einem aus Notwendigkeit Wasser zugefügt. Demzufolge kann man im Vorfeld nur durch Erfahrungswerte schätzen, ob ein Whisky Verdünnung benötigt. Erst beim Trinken bekommt man die Antwort, die auch auf einen selbst zugeschnitten ist.

Beim ersten Schluck kann man nämlich am Geschmack bemerken, ob ein Whisky allgemein zugänglich ist, wenn man einmal von den unterschiedlichen Trinkgewohnheiten absieht. Durch Verdünnung verliert man zwar etwas von der Intensität, gewinnt aber oft enorme Aromenfülle (gewisse Noten drängen in den Vordergrund, neue tauchen auf, Harmonie und Milde oder Cremigkeit kann sich einstellen) – falls es sich nicht um einen „Nichtschwimmer“ handelt. Denn es gibt Destillate, die mit Wasser einfach nur verlieren. Da gibt es leider keinen Weg zurück.

Was ist die ideale Trinkstärke?

Gibt es denn keine ideale Trinkstärke, denn viele Whiskys haben 40%, 43% oder 46%? Oder sollte ich nur Fassstärke kaufen? Hierzu eine kleine Anekdote: Bei einer Maltmaniacs-Veranstaltung wurde von uns ein Pflaumenbrand in einer Alambic destilliert. Ich nahm mit einem Maniac-Kollegen an der Verdünnungsverkostung teil, bevor der Brand in Flaschen abgefüllt wurde. Das Prozedere lief folgendermaßen: Der fertige hochprozentige Brand (ca. 30l) befand sich in einer Wanne und wurde schrittweise mit destilliertem Wasser auf Trinkstärke verdünnt. Bei jeder Zugabe von Wasser verkosteten wir und gaben entsprechende weitere Anweisung. Nach einer Weile hatten wir den für uns perfekten Mix aus Intensität und Komplexität erreicht. Ein herrlicher Trinkgenuss. Beim Messen des Alkoholgehalts kam eine krumme Zahl heraus, weshalb noch ein paar Tropfen (!) Wasser zugegeben wurden: Schock! Der Brand war danach um Klassen schwächer. Wir konnten nicht glauben, dass eine so geringe Menge das Gesamtergebnis so negativ beeinflussen konnte.

Daher empfiehlt es sich beim Verkosten zu experimentieren. Fassstarke Whiskys geben einem hierbei natürlich mehr Spielraum. Doch auch Malts in Trinkstärke lassen sich gelegentlich mit Gewinn verdünnen. Die Feindosierung erleichtert beispielsweise eine Pipette, auch wenn einige Schotten uns dafür auslachen: „Ah, the German way of drinking!“, habe ich mir schon öfters anhören müssen. Doch für mich hat es sich immer gelohnt, den Geschmack zu optimieren. Besser als eine Glenmorangie-Schorle ist es allemal.

TIPPS:

1)    Warten sie aber im Falle einer Verdünnung ca. 30 Sekunden, bis der Whisky das Wasser aufgenommen hat

2)    Verwenden sie stilles und insbesondere weiches Wasser, es muss aber kein schottisches Quellwasser sein

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